Bisher haben wir nur zeitlich fixierte Pfeile in der Ebene betrachtet. Ab jetzt lassen wir sie mit konstanter Geschwindigkeit rotieren – wodurch sie zu Zeigern werden.
Der Pfeil hatte die Länge (den Betrag) 1 und den Winkel
gegen die reelle Achse
(s. Abb. 1). Wenn der Winkel
linear mit der Zeit
zunimmt, kann man ihn als zeitlich veränderlichen Bruchteil der vollen Umdrehung
auffassen:
.

In der Zeit nimmt
jeden Wert von
an – sprich der Zeiger dreht sich einmal herum und beginnt bei
mit einer neuen Umdrehung. Weil sich bei jeder Umdrehung alles periodisch wiederholt, nennt man
die Periodendauer. Die Periodendauer gibt an, wie lange eine Umdrehung dauert. Ihr Kehrwert
wird Frequenz genannt. Die Frequenz gibt an, wie viele Umdrehungen der Zeiger in 1 Sekunde schafft. Das Verhältnis
nennt man Kreisfrequenz. Die Kreisfrequenz gibt an, welchen Winkel der Zeiger in 1 Sekunde überstreicht.
Die Sinus-Funktion
Projiziert man einen rotierenden Zeiger entlang der reellen Achse, sieht man nur seinen zeitlich veränderlichen Imaginärteil. Wenn der Zeiger zur Zeit in Richtung der reellen Achse zeigt, definiert seine Zeitabhängigkeit die Sinus-Funktion (s. Abb. 2)
.
Diese Funktion ist die Grundlage vieler Schwingungsvorgänge, und wird uns noch des Öfteren beschäftigen.

Vergrößert (verkleinert) man die Frequenz, passen in dieselbe Zeit mehr (weniger) Perioden. Die Sinus-Funktion wird daher zeitlich gestaucht (gestreckt), wie in Abb. 3 gezeigt.

Amplitude und Phase
Multipliziert man den Zeiger mit einer positiven reellen Zahl
, wird der Zeiger länger (kürzer). Entsprechend wird die Sinus-Funktion in ihrer Höhe gestreckt (gestaucht), wie in Abb. 4 gezeigt. Man nennt diese Zahl die Amplitude
.

Was, wenn der Zeiger zur Zeit 0 nicht in Richtung der reellen Achse zeigt, sondern den Winkel (die Phase) mit
hat? Nachdem der Zeiger einfach weiter im Kreis rotiert, ist die entstehende Funktion prinzipiell unverändert, aber in der Zeit verschoben (s. Abb. 5).

Die Phase verhält sich zum vollen Winkel
wie die zeitliche Verschiebung
zur Periodendauer
:
.
Aber wo kommt das Minus her? Für (
) ist die Sinusfunktion zu früheren (späteren) Zeiten hin verschoben. Im ersten Fall ist der Zeiger nämlich früher bei einem bestimmten Winkel, im zweiten später.
Weil
ist, können Amplitude und Phase zur komplexen Amplitude
zusammengefasst werden. Diese ist ein Pfeil – manchmal auch Phasor genannt – und wird erst durch die Multiplikation mit zum rotierenden Zeiger.
Die Cosinus-Funktion
Würde man statt dem Imaginär- den Realteil von nehmen, hätte man statt der Sinus- die Cosinus-Funktion bekommen. Es macht der Einheitlichkeit halber aber Sinn, immer nur den Imaginärteil zu nehmen. (Man hätte prinzipiell auch immer nur den Realteil nehmen können.)
Der Realteil wird aber durch Drehung um zum Imaginärteil. Dieser Drehung entspricht genau eine Multiplikation mit der imaginären Einheit
als komplexer Amplitude:
.
Die Cosinus-Funktion entsteht also aus der Sinus-Funktion, wenn der Zeiger zur Zeit 0 in Richtung der imaginären Achse zeigt (s. Abb. 6).

Mittelwert
Zuletzt stellt sich noch die Frage, warum unser Zeiger unbedingt um den Ursprung rotieren muss. Addiert man die komplexe Zahl zum Zeiger
, kann man ihn um jeden beliebigen Punkt der Ebene rotieren lassen (s. Abb. 7).
Weil für die Projektion aber nur der Imaginärteil relevant ist, setzt man den Realteil von einfach immer gleich 0 und damit
. Daher ist
,
weil Imaginärteil und Addition vertauschbar sind:
.

Die Spitze des Zeigers kann auf der imaginären Achse nie höher kommen als und nie unter
. Man nennt
daher auch den Mittelwert (bzw. in der Elektrotechnik den Gleichanteil).
Summe zweier gleich schneller Zeiger
Bei Schwingungsphänomenen kommt es oft vor, dass man zwei Sinus-Funktionen gleicher Frequenz – aber unterschiedlicher Amplitude und Phase – addieren muss:
.
Mit Zeigern können wir das schreiben als
wobei wir in der 2. Zeile herausgehoben haben. Am Ende erhalten wir also einen Pfeil, der mit derselben Geschwindigkeit rotiert, dessen komplexe Amplitude
wir aber noch berechnen müssen. Die Summe zweier Sinus-Funktionen derselben Frequenz ergibt jedenfalls wieder eine Sinus-Funktion mit dieser Frequenz.
Abb. 8 demonstriert das anschaulich für den Spezialfall und
. Die beiden Zeiger (blau und grün) rotieren mit derselben Geschwindigkeit, daher muss auch ihre Summe (rot) mit dieser Geschwindigkeit rotieren.

Für diesen Spezialfall können wir uns die Zeiger zur Zeit in Abb. 9 ansehen (konkret:
und
). Blauer und grüner Pfeil bilden ein Rechteck und ihre rote Summe ist die Diagonale. Es folgt daher
und
, d.h.
.

Für Schwingungen hat man daher den wichtigen Zusammenhang
mit
und
.
Den allgemeinen Fall zur Zeit 0 zeigt Abb. 10: Aus dem Rechteck ist jetzt ein Parallelogramm geworden. Die Amplitude ist die Länge der komplexen Amplitude
, also
, wobei der * das konjugiert Komplexe bedeutet:
Der Term in eckigen Klammern ist gemäß der Eulerschen Formel gleich .

Für die resultierende Phase betrachten wir das große rechtwinkelige Dreieck in Abb. 10, dessen Hypotenuse gleich
ist. Die Ankathete an
ist gleich
und die Gegenkathete ist gleich
.
Für den allgemeinen Fall folgt daher
mit
und
.
Diskussion
Die allgemeine Sinus-Funktion aus einem rotierenden Zeiger zu generieren, hat in der Anwendung viele rechentechnische Vorteile: statt sich Unmengen trigonometrische Additionstheoreme auswendig zu merken, kann man einfach mit Exponentialfunktionen rechnen. Sehr häufig wird das in der Wechselstromtechnik getan.
Wir haben hier Sinus-Funktionen gleicher Frequenz addiert. In weiteren Beiträgen wird es dann um die Summe von Sinus-Funktionen mit unterschiedlichen Frequenzen gehen, was uns letztlich zur Fourier-Reihe und Fourier-Analyse führen wird. Methoden, die für die Signalanalyse und Signalverarbeitung von großer Bedeutung sind.
Weil wir die Zeiger in Richtung der reellen Achse projiziert haben, konnten wir einfach ihren Imaginärteil nehmen. Wir hätten genauso gut in jede andere Richtung projizieren können, wodurch sich aber nur die Phasen geändert hätten.
Super Beitrag